PKW in Dach- oder Seitenlage: Achsengerechte Rettung des Patienten oder Aufstellen auf die Räder als Einleitung

Kurze Erwägung zum Thema „Soll ein PKW in Seitenlage mit Insassen“ wieder vor der Rettung der Insassen auf die Räder gebracht werden?“

Lage: PKW nach Verkehrsunfall auf Seite – Insassen im PKW. Angeschnallt und stabil in ihren Vitalparametern. Zur schnelleren oder einfacheren Rettung soll nun das Fahrzeug wieder auf die Räder gebracht werden.

Die Theorie dahinter: Dies ist eine probate Methode der technischen Rettung, Zeiten und Vorgehen können so verbessert, bzw. vereinfacht werden. 

Das Gegenargument: Bei Unfällen mit Überschlag hat bereits zur Jahrtausendwende eine retrospektive Studie der Verkehrsunfallforschung Hannover gezeigt, dass genau bei dieser Unfallform Wirbelfrakturen begleitend sind. Oftmals ist die Endlage des Fahrzeugs dann Dach- oder Seitenlage bei Überschlag. Das reine Abkippen auf die Seite eher seltener und dazu kann ich auch keine aktuelle Studie zitieren.

Die Dach- oder Seitenlage ist hier das Thema der Diskussion.

Der Aufbau der Wirbelsäule sollte ungefähr klar sein. Die absolut schnellste Kurzform:

Der tragende Teil besteht aus den Baumscheiten, den Wirbelkörpern. Diese sind gestapelt, dazwischen als Stoßdämpfer das Bandscheibengewebe.

Gegen das seitliche Verrutschen, gegen Verdrehen, Verschieben und zu weites Ausseinsnderklappen, wenn man sich vornüber beugt, sind die Wirbelkörper am hinteren Teil (bei den Dornfortsätzen) mit Zwischenwirbelgelenken ineinander verbunden. Bzw. durch stabile Bänder wie verhakt. Jeweils 2 Wirbel haben parallel 2 Zwischenwirbelgelenke. Die sind hauptverantwortlich für die Rückenschmerzen im Alter.

Der empfindliche, wichtige Teil des Rückens ist das Rückenmark mit seinen Nervenbahnen. Erst wenn das verletzt wird, entstehen die Probleme. Diese Nervenbahnen liegen von bauchwärts nach hinten gehend hinter den Wirbelkörpern. D.h. der Teil des Wirbelkörpers, der auf die Nerven drücken kann, ist der hintere Teil. Der Vordere Teil zeigt nur auf die stabile Hauptschlagader und Harnleiter.

Wenn so ein Wirbelkörper bricht, dann kann das dazu führen, dass Knochenfragmente der Hinterwand des Wirbelkörpers genau Richtung Rückenmark, also Richtung Rückseite (dorsal) abweichen/ drücken/ sich verlagern können und wie eine Rasierklinge am Hals auf jede falsche Bewegung warten, um zur Querschnittslähmung zu führen.

Ob diese Stabilität vorhanden ist oder nicht, kann selbst eine einfache Röntgenaufnahme nicht eindeutig zeigen. Es ist auch nicht unüblich, bei Frakturen mit stabil wirkendem Charakter, die Patienten zu mobilisieren und zu schauen, wie sich die Hinterkante verhält.

Was jedoch völlig falsch ist, ist jemanden mit einer instabilen Fraktur noch einer Belastung auszusetzen. Eine Belastung für einen Wirbel ist immer das aufrechte Sitzen, bzw. die aufrechte Position.

Hier kommt es immer zur Stauchung oder Kompression des Rückens, weil der  Oberkörper drückt mit über 30 kg Eigengewicht vertikal nach unten.

Auch sind schnelle und ruckartige Bewegungen nicht für den Nerven empfohlen. Man kann unter einer OP deutlich sehen, wie die Nervenbahnen bei zu starker oder schneller Berührung anschwellen, wenn man z.B. unvorsichtig mit seinen Haken im OP Gebiet den Nerven zur Seite hält. Dies wird auch entstehen, wenn man ruckartig umlagert, stark erschüttert, schnelle Verdrehbewegungen ausführt.

Die Konsequenz in den Krankenhäusern aus dieser Erkenntnis ist:

Der wirbelsäulenverletzte Patient wird flach gelagert.

Erlaubt ist das Beugen der Beine in den Hüften, das Legen von Kathetern, Pflege bei Stuhlgang usw. und die Beckenuntersuchung durch den Arzt hat keine unmittelbaren negativen Auswirkungen auf das Rückenmark / spinale Nerven.

Schutz vor Verdrehbewegungen bieten natürlich die Halskrause, eine gewisse Abstützung durchaus auch das Rettungskorsett. Jedoch sei ganz klar gesagt, es gibt in der Wirbelsäulenorthopädie kein Korsett, welches bei instabilen Wirbelsäulenfrakturen die Wirbelsäule adäquat stützt.

Alle Modelle verhindern lediglich noch stärkere Belastung durch falsches Beugen nach vorne. Das Beugen ist bestenfalls nur möglich, in dem man die Hüftgelenke im Becken beugt, die Wirbelsäule bleibt immer gerade. Das verteilt die Belastung der einzelnen Wirbelkörper deutlich besser.

Aus diesem komplexen Bild der Wirbelsäulenverletzung heraus, ist es absolut nicht empfehlenswert, einen Patienten mit unbekanntem Schaden an der Wirbelsäule in eine aufrechte Position zu bringen oder ungesicherten Verdreh- oder Stauchungsbewegungen auszusetzen.

Wenn ein Patient sich selbst aus einem verunfallten PKW begeben kann, dann ist diese Möglichkeit in einer Studie (an gesunden Probanden!) als die bessere Methode für den Rücken nachgewiesen worden. D.h. nichts stabilisiert besser, als die eigenen Muskeln.

Sollten Begleitverletzungen das nicht ermöglichen, oder Überhaupt irgendwelche Verletzungen, dann gilt nur der Erfahrungsschatz aus allen medizinischen Empfehlungen:

Flachlagerung schützt. Achsengerechtes Retten und Transportieren ist bis zur stabilisierenden Operation die einzige Möglichkeit, Rückenmarksverletzungen und Nervenverletzungen zu vermeiden.

Ob ein Aufrichten eines PKW mit Insassen daher als eine Option der technischen Rettung anzusehen ist, sollte jeder Leser nun selbst beantworten können.

Meine Antwort ist ganz klar „Nein“.

Ein in den Gurten hängender Patient mit Rückenverletzung wird durch das Aufsetzen in seine aufrechte Sitzposition wieder einer deutlich stärkeren Belastung und eventuell einer sekundären Verletzung ausgesetzt.

Jeder potentiell rückenverletzte Patient gehört flach gelagert, bis zum Beweis des Gegenteils.

Jetzt gehe ich auf alle „Aber“ ein: Bei Herzstillstand bzw. Verlegung der Atemwege gibt es keine andere Option als das schnellste Erreichen des Patienten, mit allen erdenklichen Mitteln.

Bei wirklich mechanischer Einklemmung muss letztlich auch immer alles getan werden, um diese Einklemmung zu lösen. Auch hier ist ohne Diskussion ein achsengerechtes Lagern gar nicht möglich, d.h. ich muss abwägen zwischen Leben retten durch Befreiung und eventueller Rückenverletzung.

Frank Eisenblätter

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