Sprech ick Schinesisch oder was?

So in etwa äußern sich viele im Rettungsdienst und der Feuerwehr, wenn beide sich im vertraulichen Gespräch auf das Thema Kommunikation mit den im Notarztdienst tätigen Ärzten beziehen. Oder kürzer gefragt: Können die eigentlich Deutsch? Wollen die nicht oder können die nicht?

Es wäre einfach und billig, schon hier einen Schlussstrich zu ziehen und zu sagen: „Nö, das sind die Zugewanderten mit Sprachmängeln.“ Doch dieses Problem würde ich hier sicher nicht ansprechen, würde ich nicht noch eine viel tiefere Problematik sehen:

Leider geschieht diese Zusammenkunft immer in zeitkritischen Momenten, z. B. dann, wenn Rot und Weiß gemeinsam um Leben und Gesundheit eines Menschen kämpfen. Wäre es nur ein reines Sprachproblem, könnte man die Notärzte auf Sprachkurs schicken, die Installation einer Deutsch-Lern-App empfehlen und auf den Erfolg der digitalen Sprachschule setzen. Ein Sprachkundenachweis, wie z. B. den Rechtschreibtest beim Aufnahmetest zur BF, setzt man beim Medizinstudium nicht voraus. So erhält auch der Friese in Franken seine Chance, ohne bereits beim Diktat durchzufallen, weil alle Konsonanten weich klingen.

Was aber weiß der Arzt eigentlich über die Feuerwehr?

Der 80 Stunden umfassende Kurs gemäß des Curriculums der Bundesärztekammer zur Erlangung der Berechtigung zur Prüfung zur Zusatzbezeichnung Notfallmedizin[1] ist der einzige Teil in der ärztlichen Ausbildung bis zur Notarzttätigkeit, in welchem ein direkter Kontakt zur Feuerwehr besteht. Im theoretischen Unterricht findet sich ein Teil THL mit dem Fallbeispiel „Polytrauma“. 60 Minuten Unterricht veranschlagt, 5 Unterpunkte, jeder davon 12 Minuten, dann hat Punkt 34.3 mit „Organisation des Einsatzes / Kooperation (technische Rettung)“ 4 Minuten. Da wird’s schon eng. Zum Kursende bleiben dann noch einige praktische Pflichtübungen:

In 120 Minuten sollen praktisch alle technischen Rettungsmöglichkeiten demonstriert werden: Also Fahrzeuge und Geräte zur THL, Zugangsöffnungen, Demontage, Sicherungsmaßnahmen bei Chemie und Gefahrgut, Atemschutz, Chemieschutzanzug, aber auch EINSATZLEITWAGEN und KOMMUNIKATIONSMITTEL. Die Lernzielbeschreibung dieser praktischen Übung aus dem oben genannten Curriculum lautet: „ (…) damit sich die Lehrgangsteilnehmer im gemeinsamen Einsatz adäquat verhalten können.“ Klingt zwischen den Zeilen ein bisschen wie „damit sie im Einsatz nicht so viel Verwirrung stiften“.

Spätestens, wenn der Notarztkurs sich dem Ende nähert und für die teilnehmenden Ärzte im praktischen Teil (120 Minuten) fleißig Pkw zerspant werden, Kolleginnen schwitzend und keuchend mit CSA oder Pressluftflaschen und Hupf schweres Gerät schleppen, müsste eigentlich das Thema „Wie kommen wir am Einsatzort ins Gespräch?“ schon fest in den Köpfen sitzen.

Die Realität schlägt den meisten doch erst mit der flachen Hand ins Gesicht, wenn es zu spät ist. Hat der Jungmediziner das schützende Nest der Klinik verlassen, dann ist nämlich nicht die erfahrene BF vor Ort, die schon mehrere 1.000 Studenten zu wissenden Ärzten im Bereich THL begleitet hat, oder gar erfahrene Notfallmediziner in den Reihen der Feuerwehr.

In der kalten Wirklichkeit des deutschen Feuerwehrwesens haben die jungen Kolleginnen und Kollegen die „Dorfwehr“ zu fürchten. Die, die nun auch endlich nach Beschaffung eines Wunderwuzzis in den THL Olymp aufgestiegen ist: Mit Weber, Winde und Werfer in Vorhalte lauernd, vor Ort verharrend, 16 Tonnen HLF in Erwartung des Glückseligkeit bringenden Druiden, um mit schnellen angeleiteten Schnitten den Patienten von seinem Leid der Einklemmung zu befreien. In diesem Fall nehmen wir einen Pkw an, welcher nicht der Meinung ist, seine Insassen sofort wieder in die Umgebung zu entlassen. Oder es den Insassen verboten wurde.

So lange nur unschuldige Unfallfahrzeuge dabei den Totalschaden nehmen, sei es verschmerzt. Wenn durch das Aufeinandertreffen von zweiseitigem Erfahrungsmangel auch Patienten Schaden nehmen, dann ist das inakzeptabel.

Wie könnten wir denn in meiner rosaroten Welt der guten Kommunikation das Problem besser lösen?

Bloß durch das Sprechen einer gemeinsamen Sprache gelangen weder Notarzt noch THL-Wehr effizient an die benötigten Informationen. Es geht auch darum, augenblicklich zu wissen, mit wem man sprechen muss und was die benötigten Gesprächsinhalte sind.

Ich habe das schon an anderer Stelle erwähnt, werde aber nicht müde, die Wichtigkeit von standardisierten Gesprächsabläufen in Anlehnung an das englische SBAR-Schema[2] zu betonen:

  1. Beide Seiten müssen sich finden und vorstellen, d. h. mit Namen und vor allem „Funktion“! Diese sollte natürlich für den feuerwehrunerfahrenen Mediziner verständlich sein. Beispiele? „Gruppenführer auf dem 2. HLF“ bedeutet was für den Notarzt? Waren da nicht auch Schachbrettmusterwesten mit vielen anderen tollen Funktionen, wie Verbandsführer, Wehrleiter, Kommandant? Irgendjemand muss dem Mediziner an der Seite stehen und von dort nicht weichen. DAS ist die Person, mit der kommuniziert wird.
  2. Diese oben genannte Person der Feuerwehr bekommt nun eine schwierige Aufgabe: Sie muss die vorgefundene Lage erklären und mit ihren vorhandenen Mitteln die Möglichkeiten vorschlagen. Wenn der Kranplatz nicht verdichtet ist, kann man als Arzt 1000x „Kran“ schreien. Um solchen Grotesken vorzubeugen: Richtig die Möglichkeiten aufzählen, bei zeitkritischen Einsätzen verständlicherweise auch mit den zu erwartenden Rettungszeiten. Man stelle sich vor, der Arzt würde seine bekannten Rettungsmethoden abfragen, der Gegenpart von Feuerwehrseite antwortet jedoch immer nur „noch nicht da / habe ich nicht / muss erst bestellt werden / …“. Bei so vielen Neins wählt der Arzt noch am Ende die „Notrufnummer“ des THW. Steuert die Feuerwehr jedoch das Gespräch und beide tauschen sich nur über vorhandene Möglichkeiten aus, verkürzt dies den Aufwand enorm.Schwierigkeit: Die Feuerwehrseite braucht A) ein Lagebild und B) gewisse medizinische Grundkenntnisse, um zu erkennen, wie zeitkritisch der Einsatz wohl gerade wird. Wenn bei der ersten Sichtung der Notarzt sagt: „Muss sofort raus“ ist der Drops gelutscht und die zeitlichen Grenzen abgesteckt.Noch mal zu A): Die Lage muss natürlich auch erkundet werden, bei ersteintreffender Feuerwehr kein Problem – bei nachrückender Feuerwehr ein großer Stressfaktor für den Kommunikationspartner der Feuerwehrseite. Umso wichtiger, dass jemand auf Feuerwehrseite weiß, mit was er in den Einsatz kommt, welche Mittel noch rollen und mit schnellem Blick die Situation erfassen kann. Gleichzeitig ist er aber weder mit der Organisation des Aufbaus, noch mit Befehlsgabe beschäftigt.
  3. Empfehlungen / Recommendations: Hat man sich auf das Vorgehen geeinigt, sollte tunlichst nicht der Gesprächspartner der Feuerwehr im Einsatz verschwindenund der Druide muss das Rad neu erfinden. Jetzt heißt es, sinnbildlich eng umschlungen den Einsatz abzuwickeln. Insofern wären wohl Einsatzleiter und erster Gruppenführer nicht die besten Ansprechpartner.

Auch die Nachfragen von Medizinerseite, gesundheitliche Lageänderungen und damit verbundene Abweichungen im vorherigen Ablaufpfad, all das wird vom Notarzt ÜBER seinen Feuerwehrpartner weiter gegeben. Dieser ist ein reiner Kommunikationspartner im Team, quasi ein Dolmetscher Medizin <-> Feuerwehr, aber mit voller Anerkennung auf Feuerwehrseite.

Mit meinen Erfahrungen als Notarzt in bereits 10 Bundesländern kann ich sagen, dass es nicht leicht ist, seinen Ansprechpartner zu finden. Ich habe spaßeshalber mal in einer der niedersächsischen Feuerwehrschulen nachgefragt – da wurde mir der Tipp gegeben, meinen Ansprechpartner gemäß der Funktionsabzeichen am Helm zu finden. Ähnlich der Aussage des Arztes: „Wenn diese Bewegung weh tut, dann machen Sie sie einfach nicht.“

Gibt es Positivbeispiele?

Die Idealsituationen sind immer dann, wenn der Rettungsdienst heimatnahe arbeitet und gleichzeitig das Personal in beiden Fraktionen aktiv ist. D. h., wenn der Leiter der gerade aktiven Feuerwehr zusätzlich der Notfallsanitäter des NEF ist – dann läuft es. Auch die ganzen BF-Standorte mit Wechselschichten zwischen Schwarz und Weiß sind in der Regel problemlos. Da ist oftmals die THL feuerwehrseitig ein Selbstläufer und mit Verwunderung wird dort reagiert, wenn mal klare und deutliche Ansagen von ärztlicher Seite kommen.

Aber in der großen, bösen weiten Welt des Lebens da draußen, ohne ein festes Kommunikationsschema in der Hand, wird das Finden des richtigen Partners im stressigen Einsatz nicht leicht sein. Wahrscheinlicher ist, dass man auf Tinder oder Paarship einen Erfolg landet.

Womit wir wieder bei den kleinen, oben erwähnten Apps angekommen sind, die beim Erlernen einer neuen Sprache so hilfreich sein können … und ich den glücklichen Käufern des Wunderwuzzis noch eine Beschaffung extra mit auf den Weg geben kann:

Zu Weihnachten eine Funktionsweste mit dem Aufdruck „Notarzversteher“ alternativ „Abschnittsleiter Kommunikation Medizin“.

Über den Autor

Frank Eisenblätter, Jahrgang 1971, ist Arzt und Notfallmediziner mit Leidenschaft. Begonnen in der Blaulichtfamilie 1992 als Rettungshelfer im Zivildienst, vor dem Studium die Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht. Seit 2007 auch als Aktiver in der Feuerwehr und Feuerwehrarzt. Zuletzt 7 Jahre bei Göteborg in Schweden gelebt, dort die letzten Jahre im Trauma Team der Universitätsklinik unfallchirurgisch gearbeitet. Seit Sommer 2017 wieder in Deutschland.

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