Rettmobil 2017

Meine Eindrücke von der Rettmobil 2017 in Fulda

Wieder einmal hatte die derzeit größte Leitmesse für Rettungsdienst und Feuerwehr in Fulda die Tore geöffnet. Bei sonnigem Wetter und angenehmen Temperaturen. Das kannten wir schon wärmer, aber auch kälter und mit viel Regen. Diesmal perfektes Messewetter. Im Nachgang scheint sich wohl auch daher ein neuer Besucherrekord zu bestätigen.
Und auch wie wie früher wieder das gleiche Problem: Ein Onlineticket scheint nicht mehr kaufbar, das Online-Buchen von Seminaren funktioniert wie? Wenn schon gestandene Ingenieure daran scheitern, sollte man irgendwann auch hier moderner werden. Genug der Kritik – auf zum Messerundgang:

1. Da ich mich ja bekanntlich für die Medizin interessiere, hier meine größten Eindrücke:
Kennt jemand den Reanimationsmodus bei den Respiratoren?
Weinmann wird eine Studie veröffentlichen, und diese Studie beweist, dass unter Reanimation alleine durch Kompression eine adäquate Ventilation erreicht werden kann, sowohl mit ausreichend Sauerstoff im Blut als auch ausreichend abgeführtem CO2.
Hat mir niemand bisher geglaubt, obwohl bei Reanimation eines Erwachsenen auf Intensivstation genau diese Beobachtung leicht gemacht werden kann. Aber in den Büchern steht es nicht.

Dies ist für mich eigentlich schon die größte Erkenntnis der ganzen Messe. Im Umkehrschluss sollten wir es möglich machen, dass bei jeder Reanimation über den Tubus (oder Maske?) 100% O2 kontinuierlich angeboten wird und durch tiefe Thoraxkompressionen wir ein Minutenvolumen von 100x200ml(bis 300)ml erreichen. In der Studie wird wohl auch Stellung dazu bezogen, dass der venöse Rückstrom eine entscheidende Rolle spielt.
Weiter gedacht kommt mir dann wieder die Schocklage mit „Beine hoch“ Ende der 90er in den Sinn. Hart diskutiert in den Fachzeitschriften damals und dann wieder verschwunden. Auf diese Art erhalte ich sofort über einen Liter mehr in der Zirkulation UND pumpe nicht gleichzeitig Blut in einen gerade nicht benötigten Körperbereich.

Also: Das Thema 100%-adäquate Reanimation ist noch lange nicht durch – aber muss das Thema von einem Traumatologen angesprochen werden? Hier erwarte ich von anderen Fachgesellschaften deutlich mehr Impulse als von mir selbst.

2. Tourniquet und Terror überall. Desaster Medicine ist ja auch ein wichtiges und spannendes Thema. Wie wir in der Traumatologie die letzten 25 Jahre die arteriellen Blutungen gestoppt haben, kann ich heute gar nicht mehr rekapitulieren. Es gab ja nichts, was in der Lage war, einen Gegendruck zur Arterie zu erzeugen. Also außer direkte Kompression, die Blutdruckmanschette und alles, was so im Autoverbandskasten herum rollt. Aber Tourniquet ist auch kein Teufelszeug. Es ist teuer und ok – der „Pelvic-Belt“ (mir fällt das deutsche Wort nicht ein) ist hingegen alternativlos.

3. Vortrag im Seminarraum der BF: Schussverletzungen und Bomben / Desaster Medicine: Da habe ich von der Bundeswehr mehr erwartet, als das, was ich im Vortrag beiwohnen durfte. Terrierartiges Vorgehen bei ATLS rettet Leben! Und der vortragende Kollege erzählt dann „C-ABC und bei Bedarf eventuell ein Wendel Tubus“. Nein! Gerade nicht bei Bedarf. ATLS ist streng: Ich löse ein Problem, kein eventuell. Und im Gefahrenbereich mit der Aufgabe der schnellen Rettung: Blutung mit Tourniquet stoppen und raus. Keine Luftwege, keine langwierigen Beckenkompressionen. Genau an dieser Einstellung zur Individualmedizin krankt das deutsche System noch. Load-and-Go kann funktionieren, aber nicht als play, load, play again, go, stop, re-play, stabilize, go-on. Das ist unser System aktuell. Und das ist auch unser Problem aktuell. Wir könnten aber besser, wenn wir über den Tellerrand schauen und von den Erfahrungen der anderen lernen und Standards entwickeln würden. Das ginge jedoch völlig gegen die individuelle Entscheidungsfreiheit des einzelnen Arztes – das ist der Tellerrand den ich meine.

4. Gimmicks bei den EKG/Defi Einheiten: Der Corpuls mit seiner abnehmbaren Überwachungseinheit ist eine feine Sache: Notärzte können so wunderbar in das Tragen von Ausrüstung integriert werden und gleichzeitig den Patienten überwachen. Warum man dann noch eine Überwachungs-Armbanduhr braucht? Erschließt sich mir nicht. Ein Gimmick, dem ich nur kurze Halbwertszeit gebe. Die werden nur vergessen werden, jemand tritt drauf, landen irgendwo im Krankenhaus. Aber der Nutzen ist nicht höher als wie der des Überwachungsschirms direkt. Oder haben sich vielleicht Kollegen beschwert, weil sie so viel schleppen mussten?

5. Notfallintubation oder RSI: Warum sind Videolaryngoskope eigentlich so groß, klobig und schwer? Mir kommen Bronchoskope schlanker und leichter vor und mit denen kann man auch die Stimmritze finden, einen Tubus über das Bronchoskop schieben oder per Führungsstab vorschieben. Hier ist in der Entwicklung noch viel Potential.
(Interessant, dass ich das Thema in 4 Zeilen abhake, das Thema Trauma eine ganze Seite einnimmt.)

Zusammenfassend würde ich sagen, als Interessierter muss man auf diesen Messen reden, reden, reden. Das kann ich ja eigentlich ziemlich gut. Die vielen kleinen Dinge nebenher sind oft wichtiger als kunterbunte oder extralaute Fahrzeuge. Natürlich auch von dem abhängig, was man beruflich tut. Die Kombination aus Verkaufsveranstaltung und Fachmesse würde meines Erachtens noch mehr davon profitieren, auch auf der Messe eine noch stärkere räumliche Trennung zu haben. Ich würde gerne in Ruhe meine Fachgespräche führen, ohne dass jemand sich dazwischen drängelt und den Stand-Kugelschreiber vom Tresen raubt. Es sei bemerkt: Gestandene Männer über 30! Nicht irgendwelche Kinder auf Grundschulniveau.
Ansonsten ist Fulda 2018 wohl auch für mich wieder ein MUSS. Der kurze Tag war so schnell vorüber, dass nach all den Fachgesprächen sich der Termin für die Fortbildung angenähert hatte und keine Zeit für Gimmicks blieb. Da muss das Kind im Manne leider im Hintergrund bleiben.

Auf ein baldiges Wiedersehen.

PS: Dass der Rettungsdienst als früher noch ziemlich männerdominierter Bereich jetzt deutlich weiblichen Zuwachs gewinnt, sehe ich als sehr positives Zeichen der Nachwuchsgenerierung. Leider ist das Verhältnis an den Ständen jedoch eher klar festgelegt, was das typische klischeehafte Verteilen von Aufgaben betrifft. Hey Deutschland, das können wir doch besser!

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